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Drama am Hang

Bereits Anfang August habe ich die Wildheuer im Urner Schächental besucht. Am Steilhang. Weil aber kurz darauf einer von ihnen das Tobel runter ist, ging die Veröffentlichung fast bachab.

«Am Mittwoch, 10. August 2016, waren zwei Personen in der Lini oberhalb Wanneli in steilem Gelände am Grasmähen», heisst es von Seiten der Kapo Uri. Und weiter: «Aus zurzeit unbekannten Gründen verlor einer der beiden Männer den Halt und rutschte auf dem feuchten Untergrund rund 150 Meter talwärts. In einem bewaldeten Gebiet wurde er gestoppt und blieb verletzt liegen.»

Ich dachte nur:

Hoffentlich nicht Meiri.

zwei Tage vor dieser Polizeimeldung nämlich, am Montag, war ich im Schächental bei den Wildheuern zu Besuch. In der Lini. Oberhalb Wanneli. In steilem Gelände. Sacksteil, fand ich damals schon. Und war fasziniert, wie sicher Meiri dort den Hang entlangtanzt. Und sein Sohn Brosi, der auf dem Heuschlitten surft, als wär’s nichts.

Während die Wildheuer sich sicheren Schrittes auf ihren Nagelschuhen durch die Wildi bewegten, hab ich mich ständig mit einer Hand am Geländer festgehalten, das die Strasse, die «Lini», vom Hang trennte. Ich traute der Sache nicht ganz. Nur zum fotografieren hab ich ab und zu – ganz kurz – losgelassen.

Und so schrieb ich dort eine Reportage. Eine hübsche, wie mich dünkte. Die schon bald hätte erscheinen sollen, Mitte August irgendwann. Doch daraus wurde nichts. Wegen dieser Polizeimeldung.

Es war

Zum Glück nicht Meiri.

Ich habe ihn sofort angerufen, als ich die Meldung gelesen hatte. Er nahm ab. Auf meine Frage, wie es ihm geht, antwortete er mit einem duuchen «es geht so, wieso?»

Der Verunfallte war ein Heuerkollege von ihm. Meiri war dabei. Erzählte mir am Telefon, er habe ihn noch festzuhalten versucht. Habe aber loslassen müssen, «sonst wären wir beide runter».

Den ganzen Tag habe man den Verunfallten im Spital operiert, es käme aber wohl wieder gut, meinte Meiri. Er liege einfach noch im Koma, man wolle ihn aber demnächst aufwecken. Er melde sich wieder bei mir, wenn alles wieder gut sei.

Banges Warten.

Auch an mir ging die Sache nicht spurlos vorüber. Immerhin war ich auch in diesem Hang. In der Steili. genau dort wo ich stand, ist einer runter. und der liegt jetzt im Koma. Natürlich haben wir die Publikation erstmal verschoben. Abwarten, wie’s kommt. Aber geärgert habe ich mich schon. Wieso musste das jetzt ausgerechnet passieren.

Das Abwarten dauerte lange. In der Zwischenzeit brachten andere Magazine, andere Zeitungen, Reportagen vom Wildheuen. Ich durfte nicht. Ärgerte mich langsam. Zwei Wochen später, ich hatte noch immer nichts gehört, rief ich Meiri nochmal an. Er liege noch immer im Koma. Auweia.

Ich stand allmählich vor einem moralischen Dilemma. Auf der einen Seite musste die Geschichte doch bald mal veröffentlicht werden. Schliesslich bin ich Ressource und koste Geld, darum muss ich auch liefern. Auf der anderen Seite liegt da ein Mensch im Koma. Da gebietet es sich doch, zuzuwarten. Auf der Redaktion haben wir diskutiert. Spülen auf keinen Fall, hiess es. Ein bisschen abwarten können wir noch, aber nicht zu lange. «Wie lange heuen sie noch?», wurde gefragt.

Ich schickte Meiri in der Zwischenzeit meinen Text zum Durchlesen. Per Post. Mail hat er nicht. Seine Rückmeldung kam dann irgendwann: Wir können den Text bringen. Sein Kollege liege zwar noch immer im Koma, aber er habe den Artikel mit den Angehörigen angeschaut. Sie seien einverstanden mit der Publikation. Erleichterung. Für die ich mich schlecht fühle. Grünes Licht ohne Happy-End.

Nun ist er gedruckt. Und ich fühlte mich verpflichtet, den Angehörigen des Verunfallten und den Wildheuern insgesamt meinen Respekt zu zollen und schrieb deshalb:

«In ihrem Namen und in demjenigen der «Tierwelt» wünschen wir ihm eine rasche Besserung und seinen Angehörigen viel Kraft.»

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Veröffentlicht inArbeitNatur

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