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Sagers Aussicht

Ein gewöhnlicher Montagnachmittag in Sissach. Ausser, dass Europameisterschaft ist. Und Tour de Suisse. Und einer die Fensterrahmen des Gemeindehauses streichen sollte.

Sager fährt hoch. Er hat den besten Platz. Der Malerlehrling packt sich einen Farbkübel, parkiert ihn auf dem Hebekran und lässt sich in die Höhe hieven. Vom zweiten Stock des Sissacher Gemeindehauses aus hat er den Überblick über die Szene. Das weiss er. Von hier aus sieht er, wie die Rentnergruppe vor dem Hotel Sonne im Schermen sitzt und Kaffee trinkt. Einer traut sich an ein Herrgöttli. Im stummgeschalteten Fernseher sitzt der Gygax vor der Spanienflagge und fachsimpelt tonlos über Tiki-Taka.

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Sager sieht auch, wie der schnäuzige Löwenwirt ennet der Strasse auf dem Mäuerchen sitzt und eine Zigi anzündet. Und er sieht, wie das Soldatentrüppchen sich am Strassenrand unter ihm postiert. Leuchtwesten über Tarnanzüge. Um den Verkehr zu regeln, wenn hier gleich die Tour de Suisse kommt.

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Sager hört nicht, was die Rentner vor dem Fernseher diskutieren. Höchstens Wortfetzen. Schweinsteiger. Aussenrist. Seferovic. Brasilien rausgeflogen. Amerika-Cöpp. Aber eigentlich seien sie für die Tour de Suisse gekommen, auf die Sonnen-Terrasse. Er hört auch nicht, wie die Tschechen tonlos ihre Nationalhymne singen. Aber er hört den Werbetross kommen. Der grüne Skoda mit dem Sagex-Velofahrer auf dem Dach tüdeldü-t die Strasse frei. Wenn der kommt, dauert’s noch eine Weile, denkt sich Sager und fängt an, den Fensterrahmen weisszupinseln.

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Punkt drei. Das Spiel läuft. Sager fährt runter. Neue Farbe holen. Oder Pause. Die Rentner bestellen einen neuen Kafi. Die Soldaten schwingen Kellen und sagen, wo man stehen darf, die Sissacher tröpfeln aus den Gassen und winken den Rentnern zu. Der schnäuzige Löwenwirt hat sich ein himmelblaues Sponsorenkäppi aufgesetzt und zündet sich eine Zigi an. Die Spanier machen Druck. Ein radlerbehoster Hobbyfahrer nutzt die Gelegenheit, sich zu zeigen. Verfolgt vom Pralinato-Wagen, der mit Doo-wah-diddy Sommerstimmung unter dem bewölkten Himmel verbreiten will. Die Soldaten haben nichts Besseres und stellen ein Unfall-Dreieck auf. Jetzt darf keiner mehr rechts abbiegen. Freistoss Spanien. Ramos köpfelt drüber. Die Rentner raunen.

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Der Strassenrand säumt sich allmählich mit regenschirmbewehrten Sissachern. Für alle Fälle. Jeder steht in der ersten Reihe. Ausser Sager. Die Rentner trinken aus und stellen sich am Strassenrand auf. Das Info-Auto brummt vorbei und lautsprechert etwas von Silvan Dillier und Spitzengruppe. Eine Frau will parkieren, darf aber nicht. Der Kreuzungssoldat trillerpfeift sie zurecht. Die Securitas-Flotte kommt auf ihren Töffen angebraust, ersetzt die Soldaten. Sager fährt hoch. Riesenchance Morata. In die Arme von Cech. Das sieht niemand mehr.

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Sager hat wieder den Überblick. Er hört den ersten grossen Applaus. Der gilt dem Werkhöfler, der im orangenen Gemeindewägeli vorbeiholpert. Er hört den schnäuzigen Löwenwirt laut lachen. Und er sieht die Spitzengruppe vorbeijagen. Sähe Silvan Dillier, wenn er ihn kennte. Sieht die Rentner applaudieren. Zehn Sekunden lang. Höchstens. Sieht im Fernseher, dass noch nullnull steht. Ein paar Minuten später sieht er das Hauptfeld kommen, hört den Applaus noch einmal. Diesmal vielleicht zwanzig Sekunden lang. Dann ist vorbei.

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Der schnäuzige Löwenwirt ist weg. Vom Himmel tropft es, die Sissacher lassen ihre Regenschirme mit Ich-habs-doch-gesagt-Blicken aufploppen und verschwinden in den Gassen. Die Rentner setzen sich wieder auf die Sonnen-Terrasse, in den Schermen. Diesmal bestellen sie sich Stangen. Das haben sie sich verdient. Der Schiedsrichter pfeift stumm zur Halbzeitpause. Die Autos dürfen wieder rechts abbiegen. Sager fährt runter.

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Veröffentlicht inFreizeit

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