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Mal ganz persönlich

Ich erzähle nicht viel persönliches. Nicht über mich, und über meine Eltern schon gar nicht. Für einmal habe ich eine Ausnahme gemacht. Im Rahmen der Schreibwerkstatt am MAZ.

Mein Vater küsst seine eigene Handfläche. Das tut er jedes Mal, wenn ich zum Abendessen nach Hause komme. Es ist kein zärtlicher Kuss, es ist ein lauter Schmatzer, den er sich auf die Hornhaut zwischen Finger und Handballen drückt. Begleitet von einem auffordernden Blick in Richtung meiner Mutter. Sie möge das doch auch tun. Leicht widerstrebend und augenrollend, aber doch mit einem Schmunzeln, kommt sie seinem Wunsch nach, spitzt die Lippen, haucht sich über ihre Hand und lässt sie in die Luft fahren. Fast schlägt meine Mutter die Finger an der neuen Hängelampe an. Sie hängt tiefer als die alte, als die, die ich noch aus meiner Kindheit kannte. Von damals, als ich das Spiel erfunden habe, das meine Eltern noch heute spielen, wenn ich auf Besuch bin. Das Spiel, aus dem ich schon lange ausgestiegen bin. Erst, als Teenager, weil mir das peinlich war. Dann, als junger Erwachsener, weil ich nicht zugeben wollte, dass es mir jetzt nicht mehr peinlich wäre. Meine Eltern sitzen sich, wie früher am schweren Holztisch gegenüber. Auf denselben Polsterstühlen wie damals. Ich schliesse das Dreieck am Kopfende des Tisches ab und warte, bis die beiden ihr – mein – ewiges Spiel zu Ende bringen. „Bon appétit, ma chérie“, ruft mein Vater nun über die Tischplatte. „Bon appétit“, erwidert meine Mutter und die beiden schlagen ihre geküssten Hände hoch über ihren Köpfen zusammen. Das Müntschi-High-Five ist das Tischgebet meiner Eltern. Nun dürfen wir essen. Bon appétit.

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Veröffentlicht inFreizeit

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