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Faschinen – Holzbündel mit langer Geschichte

Was haben diese Zivis mit dem Faschismus zu tun? Bis auf ihr Arbeitsmaterial herzlich wenig (da gehe ich mal schwer von aus). Die Holzbündel, die sie herstellen, um Flüsse und Bäche zu schützen, benutzten schon die römischen Kaiser. Wenn auch zu anderen Zwecken.

Wie würdet ihr eine Burg stürmen, wenn ihr in voller Ritterrüstung auf eurem edlen Hengst angeritten kämt? Euer Ross, nennen wir es Rinaldo (find ich noch schön für ein Streitpferd), stürmt durch den Pfeilhagel, der auf euch herniederprasselt, seine Hufe wirbeln Staub auf, eure Kampfgefährten hinter euch verschwinden in einer Dreckwolke. Nur noch wenige Meter sind es bis zur Burgmauer, doch – herrje – ein breiter Graben versperrt euch und den Leiterträgern hinter euch den Zugang zur Burg.

Rinaldo wiehert erschrocken, ihr reisst die Zügel herum, ruft «brrrr», so laut es geht («brrr» kann man nicht so laut rufen, ich hätte da andere Bremslaute vorgeschlagen, um im Notfall eine maximale Effizienz zu erzielen), das Pferd rammt seine Läufe in den Dreck, versucht zu bremsen, rutscht über den Pfeilverhagelten Untergrund und kommt gerade noch, Zentimeter vor dem Burggraben, zum Stillstand. Doch eure Mitstreiter in der Staubwolke haben euer Bremsmanöver zu spät bemerkt, sie rasseln einer nach dem anderen in euch und Rinaldo, schubsen euch in den Wassergefüllten Graben, eure Rüstung zieht euch nach unten, das war’s wohl mit dem Angriff auf die Burg.

Faschinen hätten da geholfen.

Szenenwechsel.

Albert von Felten steht im Wald. Sein Team, eine Gruppe von Zivis, schnappt sich Äste und Zweige aus dem Wald und schichtet sie zu langen Holzbündeln. Faschinen. Die hättet ihr vorher brauchen können, als ihr die Burg angreifen wolltet.

Von Felten hingegen will keinen Thron stürzen, er will Bachufer schützen. Vor Unterspülung. Und Tieren eine neue, renaturierte Heimat bieten. Mit dem Verein Naturwerk baut er sie in einem Wald oberhalb von Brugg AG.

Der Zusammenhang zwischen den beiden Geschichten: Faschinen gibt es seit Jahrhunderten. Sie waren es, die Rinaldo gerettet hätten, mit ihnen wurden im Mittelalter Burggräben aufgefüllt, mit ihnen wurden in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts Schützengräben aufgestellt und Granatenlöcher überwunden, mit ihnen, nicht mit Beton, baute man die ersten Kanäle und mit ihnen werden heute Bäche wieder in ihre natürliche Form gebracht.

Und die alten Römer? Die wedelten mit Faschinen herum, damit das Volk ehrfürchtig Platz macht, wenn ihre Herrscher durch die Menge paradierten. «Fasces» hiessen die Bündel damals. Heute noch ist eins davon im St. Galler Wappen zu sehen. Und von ihnen war auch Mussolini inspiriert. «Zurück zum Glanz der alten Römer» wollte er damals. Und wählte das Rutenbündel zum Symbol und Namensgeber des Faschismus.

Beitrag in der «Tierwelt» vom 28. April 2016.

Den Artikel gibt es hier als PDF.

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Veröffentlicht inNatur

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