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Der kleine Napoleon darf raus zum Spielen

Auf dem Simplon steht eine Beiz. Aus der schallt Britney Spears in Richtung Hospiz. Aber um die Beiz geht’s hier nicht.

Vielmehr geht es um Napoleon. Besser gesagt um eine nicht einmal zwanzig Zentimeter hohe Napoleon-Statue, die im Hotel Post wohnt. Im Hotel Post in Simplon Dorf. Von Brig aus gesehen ist das direkt nach dem Simplonpass, die Strasse hat sich schon wieder ein paar hundert Höhenmeter hinuntergekämpft, die Munggen hört man hier schon nicht mehr pfeifen, dafür die Schafe bimmeln.

Napoleon steht nicht zufällig hier. Er hat die Passstrasse gebaut, oder bauen lassen, irgendwann knapp nach 1800. Weil er stets mit schwerem Gepäck reiste und dafür so eine Strasse gar nicht unpraktisch ist. Neben einem Heer mit Artillerie konnten nun auch Postkutschen über den Simplon fahren, deshalb liess er gleich noch eine Post im Simplon-Dorf bauen.

Diese Post, die ist heute das Hotel Post und markiert die halbe Strecke zwischen Brig und Domodossola. Der Napoleon hat das genau berechnet.

Um Napoleon im Nachhinein Ehre zu erweisen, hat man nicht etwa die Passstrasse nach ihm benannt, nein. Wär doch noch schön gewesen, eine „Route Napoléon“ zu haben. Oder eine „Via Napoletana“, wobei das wohl etwas anderes wäre. Die Strasse heisst einfach „Simplonstrasse“, während sein Vorgängerpionier und Säumerspezialist Stockalper seine eigene, wenn auch ungeteerte und wesentlich trampelpfadigere „Via“ bekommen hat. Dieser Stockalper ist übrigens auch ein spannender Geselle, den kann man ruhig mal googeln.

Das Andenken an Napoleon ist etwas weniger imposant. Es ist eine Plakette an der Fassade des Hotel Post. 

Das ist alles, was da steht. Plus ein kleiner Sockel, der nur zu leicht zu übersehen ist.

Später, beim Abendessen, habe ich Napoleon entdeckt. Oder er mich. Stoisch hat er mir aus seinen Statuettenaugen beim Walliserröstiessen auf den Teller gestarrt. Verbannt auf ewig in den Speisesaal eines Mittelklassehotels. 

Napoleon tat mir leid. Ich unterbrach meine Mahlzeit und näherte mich ihm. Zumindest ein Foto von ihm wollte ich machen. Das ist doch das Ziel jeder Statue, dachte ich mir. Fotografiert zu werden kommt noch vor dem Bewundertwerden. Weil ein Foto vielleicht mal noch jemand anderes sieht. Ein Bewundern bleibt dem Bewunderer allein vorbehalten.

Meine Annäherungsversuche sind nicht unbemerkt geblieben. Der Wirt, ein strebsamer Deutscher, stand bald hinter mir und bot mir an, Napoleon für mich an seinen ihm zugedachten Platz zu stellen. Noch viel besser komme das Foto dann raus, garantiert.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich hier behaupten, Napoleon hätte einen Freudensprung gemacht, immer im Rahmen, wozu Statuetten fähig sind natürlich, aber immerhin. 

Der Wirt nahm Napoleon vor das Haus und stellte ihn auf seinen Sockel. Hier thronte er also. Für ein paar Minuten. Für ein paar Handyfotos. Zum ersten Mal in vielleicht langer Zeit. Denn: „Man weiss ja nie, wohin der verschwindet, wenn ich ihn draussen lasse“, meint der Wirt. 

Da gebe ich ihm recht. Wäre ich eine Napoleon-Statuette, würde ich mich auch bei der ersten Gelegenheit über alle Berge machen, anstatt vor dieser Plakette strammzustehen. Als erstes über den Simplon.

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Veröffentlicht inFreizeit

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